Geschichte der Anne Frank-Realschule Mainz

Autoren: Frau U. Tress / Herr B.-D. Klockner

Die Höhere Töchterschule

Die Höhere Töchterschule und das Naturhistorische Museum

1904 erhält der Architekt Gelius den Auftrag für die Planung und Durchführung eines „Doppelhauses“ auf dem ehemaligen Klostergelände. Das Naturhistorische Museum und eine Höhere Töchterschule (für 1100 Mädchen) nebst einem Lehrerinnenseminar sollen hier unterkommen.

Der Architekt entscheidet sich für eine doppelbündige Anlage, d.h. ein Teil der Unterrichtsräume liegt auf der Seite zum Mitternachtsplatz der andere Teil liegt auf der Seite zum Schulhof. Der besondere Bedarf des Museums an Ausstellungsfläche lässt Gelius einen überdachten Lichthof gestalten, dessen Räume nicht nur direkten Zugang zur Kirche besitzen, sondern auch vom 1.Stock der Schule eingesehen werden können.

Äußerlich stellt sich die „Höhere Töchterschule“ stattlich dar.
An der vorspringenden Ecke des nach der Mitternacht vortretenden dreigeschossigen Flügels wird als belebendes Moment und als Träger der Schuluhr ein hochragender Turm eingegliedert, dem eine Vorhalle für den dort befindlichen Haupteingang vorgelagert ist, mit Reliefs von ährenpflückenden und lorbeererntenden Mädchen.



Zur Mitternacht hin schließt sich ein zweigeschossiges Wohngebäude für den Direktor an, in dessen Architektur die Reste eines zierlichen Erkers vom ehemaligen Bickenbau integriert sind.



Der Erker ist der Rest eines Hauses, das bis 1904 am Flachsmarkt 1 stand.

Der Bickenbau



Der Kurmainzer Ratsherr, Philipp von Bicken und seine Frau Anna Brendel von Homburg bauen 1574 den Bickenhof oder Bickenbau in der Flachsmarktstraße 1 als ihre Stadtwohnung.

1904 wurde der Bickenbau abgerissen mit der Auflage des hessischen Denkmalschutzamtes an die Stadt Mainz, die künstlerisch wertvollen Teile zu retten. Viel ging doch bei den Abbrucharbeiten verloren. Der Erker aus dem Jahr 1574 mit dem Allianzwappen der Bicken/Brendel von Homburg blieb erhalten. Er trägt die Aufschrift:

„Wer Gott glaubt und vertraut, hat wohl gebaut“.


Der schmucke Erker befindet sich heute am Naturhistorischen Museum in der Reichsklarastraße. Auf dem Gelände des Bickenbaus steht heute das Parkhaus des Kaufhofs.

Am 15.10.1907 wird in Anwesenheit des Schulleiters Dr. Roemheld, des Architekten Gelius, des Bürgermeisters Dr.Göttelmann und vieler anderer Repräsentanten aus Kirche und Stadt die Schule eingeweiht.

Es muss eine sehr lange Feier gewesen sein, denn die aufgezeichneten Festreden und das Festspiel für Mädchen zur Einweihung des Neubaues der Höheren Töchterschule lassen darauf schließen. Der stellvertretende Schulleiter Professor Dr. Lendroit hat eigens für diesen Anlass ein vaterländisches Festspiel geschrieben, das den Titel“:Deutscher Frauen Ruhm und Ehre“ trägt. Hehre Frauengestalten wie Moguntia,Germania,Hassia,Fastrada -Gemahlin Karls des Großen und andere treten auf, um den Besuchern die Tugenden der deutschen Frauen zu verdeutlichen.

In den folgenden Jahrzehnten dient die Schule ihrer Bestimmung als Höhere Töchterschule, deren Schülerinnen beim Eintritt von folgender Inschrift begrüßt werden:

Einstmals gründeten hier Clarissen ein ehrwürdig Kloster,
Nur das Gotteshaus steht noch von dem früheren Bau,
Was dein Auge nun schaut, ein Werk ist´s unserer Bürger
Ihren Töchtern geschenkt, freudiger Arbeit ein Heim.


Am 16.10.1910 wird das Naturhistorische Museum eröffnet.Es ist das bedeutendste Naturkundemuseum in Rheinland-Pfalz ,dessen Schwerpunkt auf Ausstellung und Sammlung von Funden aus den eiszeitlichen Mosbacher Sanden und Fossilien aus dem Tertiär des Mainzer Beckens und Fährten aus dem Rotliegenden des Alzey-Niersteiner Horstes liegt. Die Sammlungen gehen auf Vorläufervereinigungen bis zum Beginn des 19.Jahrhunderts zurück.(Rheinische Naturforschende Gesellschaft)

Die Bombennacht


27.Februar 1945 ist für Mainz ein Unglücksdatum. Wenige Wochen vor Kriegsende wird die Stadt in Schutt und Asche gelegt. Auch Museum und Höhere Töchterschule versinken in der Zerstörung durch den angloamerikanischen Bombenhagel.

Bis in die späten fünfziger Jahre verbleibt das Gebäude als Ruine.

Die Nachkriegszeit

Für Mainz endeten Krieg und Nationalsozialismus mit dem Einmarsch der Amerikaner in die Innenstadt am 22. März 1945. Vordringliche Aufgaben waren nun die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln, die Wiederherstellung von Strom- und Wasserversorgung und der Wiederaufbau einer funktionierenden Verwaltung. Mit der Einrichtung der französischen Besatzungszone links des Rheins übernahmen die Franzosen im Juli 1945 diese Aufgaben.

Die tägliche Kalorienzufuhr wurde 1946/47 auf 1829 Kal. festgelegt und im folgenden Jahr nochmals auf 1752 Kal. gesenkt. Das entspricht etwa der Hälfte des nötigen Tagesbedarfs eines Erwachsenen. Entsprechend wurden einer Person 200g Brot am Tag zugewiesen, 300g Fett,152g Käse und 400-500g Fleisch im Monat.

Namensgebung



Der Name der heutigen Realschule geht zurück auf das jüdische Mädchen Anne Frank , das in seinem Tagebuch die Zeit des Verstecks vor den Nationalsozialisten in Amsterdam festgehalten hat und 1945 im Alter von 16 Jahren im Konzentrationslager Bergen-Belsen umgekommen ist.



„Einer Schule einen Namen geben, das bestimmt nicht selten Geist und Auftrag der Schulgemeinschaft, stiftet Traditionsvergewisserung, regt an, provoziert zum Nachdenken. Namensfindungen für Schulen sind darum auch nicht selten schmerzhafte Vorgänge“.
(Dr. Keim: Anne-Frank-Realschule 1962-1987)



Die Schule wurde seit 1960 wieder aufgebaut und im Juni 1962 als Realschule mit 18 Klassen offiziell eingeweiht, nachdem der Schulbetrieb zum Unterrichtsjahr 1962/63 – damaliger Beginn nach den Osterferien – aufgenommen worden war. Außerdem erhielten im selben Gebäude die Volkshochschule Mainz mit Verwaltungs- und Seminarräumen im Erdgeschoss ihren Platz, und seit 1967 das Studienseminar Mainz zur Ausbildung der Lehramtsanwärter.

Nach einem erneuten Umbau und der Einrichtung vieler Fachräume 1990/91 werden in der Anne-Frank-Realschule im Durchschnitt 24 Klassen bis zum Sekundarabschluss I unterrichtet. Sie teilen sich das historischen Gelände mit dem Naturhistorischen Museum, das in der ehemaligen Klosterkirche untergebracht ist.

Anne Frank-Realschule Mainz